Mystik

Nach dem demokratisierten Verständnis von Dorothee Sölle hat jeder Mensch eine individuelle Beziehung zu Gott. Mystik spielt sich mitten im Leben ab: unerwartet, absichtslos, aufleuchtend. Mystische Erfahrung beginnt mit dem Staunen, sich wundern können, innehalten und betrachten. Jede mystische Erfahrung ist auch ein Gewahrwerden der Liebe Gottes und ein Einswerden mit ihr. In ihr geschieht eine Wiederherstellung der Gottesebenbildlichkeit der Seele. Sölle beschreibt natürlich gegebene Orte, an denen sich Gott als das „Allermitteilsamste“ (Meister Eckhart) mitteilt.


Natur – aus dem forschenden Beobachter wird ein staunend Überwältigter, ein Gott Lobender, Gefühl der Beheimatung, stiller Friede, Selbsthingabe an Gott, Erkenntnis der Abhängigkeit von der Natur und Wunsch, sie zu bewahren
Erotik – mystischer Eros als die vorwärtstreibende Kraft und Dynamik, die auf die Vereinigung alles Getrennten drängt; M.Porète: Gott wird zum hinreißend Fern-Nahen, der um seiner selbst willen geliebt wird. Nur der Fern-Nahe kann nah bleiben. Nur der nie ganz Erkannte kann erkannt werden; himmlische und irdische Liebe ist untrennbar.
Leiden – verstanden als Teilhabe am Leidensweg Christi und an der Ohnmacht Gottes;  kein masochistisches Leiden, sondern ein freiwillig übernommenes Leiden; Dunkel, Finsternis, Leiden und Tod können aus der Ganzheit Gottes nicht ausgeschlossen werden (Joh.v. Kreuz, Edith Stein).
Gemeinschaft – Gemeinschaft mit Gott bedeutet im chassidischen Sinne, dass jede Person gibt und nimmt, lehrt und lernt.
Freude – verstanden als eine Freude, die nicht an einen Gegenstand oder bestimmte Lusterfahrungen gebunden ist, sondern aus einer Achtsamkeit für das Hier und Jetzt entsteht; Lachen, singen, tanzen, springen, jubeln zum Lobe Gottes – das Einswerden drückt sich in der Leiblichkeit aus, im erdhaften Aspekt des Lebens.


Diese „Orte“ spiegeln sich im bibliodramatischen Geschehen wieder. Mystische Empfindlichkeit wächst.

 



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